BESETZUNG

HANDLUNG

Walter Faber, ein Ingenieur von 50 Jahren, hat sich daran gewöhnt, das Leben mit den Augen des Technikers zu sehen und zu handhaben. Auf einer Geschäftsreise wird er unvermittelt mit dem Tod eines Jugendfreunds konfrontiert und verstrickt sich, durch wundersame Zufälle getrieben, immer tiefer in seine eigene gut verdrängte Vergangenheit. Er begibt sich auf die längst fällige Reise zu sich selbst, verliebt sich in ein junges Mädchen und ignoriert hartnäckig alle Hinweise auf blinde Flecken in seinem Leben.

 

Das Stück wird rückläufig, aus der Erinnerung seines Protagonisten, berichtet.

Er ist in Form eines Monologs erzählt, da auch die Äußerungen anderer Figuren in den Dialogpassagen aus zweiter Hand durch Fabers bewussten oder unbewussten Filter wiedergegeben werden.

Die erzählerische Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spiegeln nach Mona und Gerhard P. Knapp einen Einfluss der Existenzphilosophie Martin Heideggers wider, der die drei Zeitebenen der „Erfahrung“, des „Daseins“ und der „Erwartung“ unterscheide, wobei sich erst in der Konvergenz aller drei Zeitebenen die menschliche Existenz verwirklichen könne. Die Grundstruktur des Romans greift in mehrfacher Form das Prinzip des Kontrapunkts auf: Die erste Station mit den Erlebnissen Fabers bis zum Tod seiner Tochter wird gegen die zweite Station, sein Leben danach, gesetzt.

 

Gleichzeitig wird die Handlung – das Erleben – mit dem späteren Bericht der Geschehnisse – der Reflexion – kontrastiert. Auch innerhalb der Handlung wiederholen sich die Abläufe. So führen Fabers Reisen zweimal zur südamerikanischen Plantage, auf der er zuerst seinen toten Freund Joachim findet, später in einer Umkehr der Ereignisse dessen Bruder Herbert zurücklässt.

lissom miller


FIGUREN

Die Duplizität der Schauplätze und Reiserouten offenbaren den Versuch Fabers, seine Vergangenheit durch Wiederholung zu bewältigen und zu verändern. Der Ort, der aus dieser Repetition herausfällt und in der zweiten Station erstmals auftaucht, ist Kuba; hier will Faber sein Leben erneuern. Walter Faber wurde am 29. April 1907 geboren. An der ETH lernte er Hanna Landsberg kennen, 1935 planten die beiden die Heirat, 1936 kam es zur Trennung.

 

Seit 1946 lebt er in New York. Für die UNESCO leitet er den Bau von technischen Anlagen in aller Welt. Fabers Selbstbild ist das eines Rationalisten: „Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik; Mathematik genügt mir. Faber entspricht dem Typus eines modernen Stadtbewohners, der – beruflich immerfort auf Reisen – wurzel- und bindungslos geworden ist. Faber selbst gibt an: „Alleinsein ist der einzigmögliche Zustand für mich."

 

Seine Abhängigkeit von anderen Menschen zeigt sich besonders in der Beziehung zu Hanna, von der sich Faber nach über 20 Jahren nicht emotional hat lösen können. Sie studierte Kunstgeschichte in Zürich, etwa von 1931 bis 1935. Dort lernte sie Walter Faber kennen, wurde von ihm schwanger und trennte sich wieder von ihm. 1937 heiratete sie Joachim Hencke und brachte kurz darauf ihre Tochter Elisabeth zur Welt.

 

1938 trennte sie sich von Joachim und ging nach Paris, wo sie bis 1940 mit einem bekannten Schriftsteller zusammenlebte. Vor dem deutschen Einmarsch in Frankreich und der ihr drohenden Judenverfolgung floh sie als „Halbjüdin“ 1941 nach London, arbeitete bei der BBC, wurde englische Staatsbürgerin und heiratete den deutschen Kommunisten Piper. 1953 ließ sie sich wieder scheiden und arbeitet seitdem als selbstständige Archäologin in Athen.

 

Hanna ist sehr emanzipiert und entspricht nicht dem Stereotyp von Fabers Frauenbild. Ihre von Faber als „Backfischphilosophie“ herabgewürdigte Weltanschauung bildet eine feministische Gegenposition zu Fabers reaktionärem Frauenbild.

roland miller-aichholz

An der Erziehung ihrer Tochter lässt sie keinen Mann teilhaben, ihrem damaligen Ehemann Joachim verweigerte sie ein gemeinsames Kind, was zu ihrer Trennung führte. Ihre Äußerung, es könne „das Leben einer Frau, die vom Mann verstanden werden will, nicht anders als verpfuscht sein“, lässt ihre Lebensentscheidung als Antwort auf die Beziehung zu Faber erscheinen: eine Resignation, die zum Abbruch der Kommunikation zwischen den Geschlechtern führte und zu einer rein matriarchalen Lebensführung.

roland miller-aichholz

Elisabeth Piper ist die Tochter von Hanna Piper und Walter Faber, hält allerdings selbst Joachim Hencke für ihren Vater. Sie wurde 1937 geboren, zog mit ihrer Mutter nach Paris, London und Athen. 1956 studierte sie mit einem Stipendium an der Yale University in den USA. Auf ihrer Rückreise nach Athen trifft sie Walter Faber. In der Schilderung Fabers wird Sabeth zur personifizierten Jugendlichkeit, zum Typus eines jungen Mädchens.

 

Ihre hervorstechende Eigenschaft ist die jugendliche Spontaneität und Erlebnisfähigkeit. Gleichzeitig hat sie keine stark ausgebildete Persönlichkeit, ist selbständig, aber unreif. Sabeths Offenheit für Eindrücke erstreckt sich von der Vergangenheit (ihre Begeisterung für Kunst), die Gegenwart (das aus ihrer Sicht zeitlich begrenzte Liebesabenteuer mit Faber) bis zur Zukunft, für die sie noch keine Pläne hat, auf die sie sich jedoch schlicht und einfach freut.

 

Sie ist gleichermaßen geprägt durch ihre Mutter, die ihr das Kunstverständnis vermittelt hat, wie sie auch Fabers technische Erklärungen mühelos begreift. Daher nimmt sie eine Vermittler-Rolle zwischen ihren Eltern ein, steht für den ganzen Menschen, der die Spaltung ihrer Eltern überwindet. Für Klaus Müller-Salget lassen bereits die Namen, mit denen beide das Mädchen belegen – Faber nennt sie „Sabeth“, Hanna „Elsbeth“ – erkennen, dass beide Elternteile nur einen verkürzten Teil ihrer Persönlichkeit wahrnehmen, der erst im Namen „Elisabeth“ seine ganzheitliche Entsprechung findet.

 

 

Ivy ist ein 26jähriges Mannequin, von dem nicht viel mehr bekannt wird, als dass sie aus der Bronx stammt, katholisch ist und einen Ehemann hat, der als Beamter in Washington arbeitet. Im Bild, das er von Ivy malt, vereinen sich für den Leser sämtliche Klischees über den weiblichen American way of life der 1950er Jahre. Ihre Accessoires sind Autos und Kleider, ihre Sorge gilt vor allem ihrem Aussehen, die Sprache beschränkt sich auf klischeehafte Wendungen wie „Everything okay?“ Trotz Fabers Zurückweisungen klammert sie sich an diesen, ihr größter Antrieb ist der Heiratswunsch, der auch nicht dadurch aufgehoben wird, dass sie bereits anderweitig verheiratet ist.

 

Bereits ihr Name weckt Assoziationen an ein Schlinggewächs: „Ivy heißt Efeu, und so heißen für mich eigentlich alle Frauen.“

 

Für Mona Knapp beschränke sich Ivys Funktion im Roman darauf, das Stereotyp vorzuführen, mit dem Faber die Frauen betrachtet: Sie sind für ihn lästig und trivial, er fühlt sich ihnen überlegen.